Hartz-IV kann jeden treffen! Die Depression und Passivität sind ein gewolltes politisches Mittel!

Hartz-IV kann jeden treffen! Die Depression und Passivität sind ein gewolltes politisches Mittel!

Hartz-IV ist – in welcher Form auch immer – regelmäßig Thema in den Medien und in der Politik.

Doch wer nicht selbst betroffen ist, schiebt es gern beiseite.

Das ist nicht gut und nicht klug, denn dahinter steht ein Prinzip, das jeden treffen kann – früher oder später.

Durch den Bezug der Hartz IV-Leistung fühlen sich die meisten ausgegliedert aus einem System, das ihnen Sicherheit, Geborgenheit und auch ein Stück Heimat gab. Durch die gesellschaftliche Ausgrenzung, durch öffentlich propagandierte Ächtung, durch Armut bis zum Lebensende, durch die Abschiebung in eine Parallelgesellschaft hat für die meisten der Begriff der Geborgenheit und Heimat seine Bedeutung verloren.

Sie sind Heimatlose im eigenen Land, in dem sie durch ein Armutsgesetz gefangengehalten werden.

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Ein Artikel von Tom Wellbrock, gefunden auf Neulandrebellen – Die Alpenschau bedankt sich!

Denn es handelt sich bei Hartz-IV um ein System, das weit entfernt von Hilfe oder Förderung ist. Vielmehr belastet es die Menschen, die davon abhängig sind, auf gravierende, menschenverachtende Art und Weise.

Durch Druck und Sanktionen – und nicht zuletzt durch die finanzielle Abhängigkeit der Betroffenen – werden Widerstand, Kreativität oder auch nur Individualität faktisch Schritt für Schritt aufgelöst. Die Tatsache, dass so viele Hartz-IV-Empfänger psychische Störungen aufweisen, ist daher kein Zufall.

Hartz-IV oder: Leute, die den Hals nicht voll genug kriegen können?

Die Überschriften, die regelmäßig im Pressewald auftauchen, sagen genug aus, um sich auch vor dem Lesen der Artikel bereits ein Bild zu machen:

  • „Brisante Hartz-IV-Urteile: Jobcenter müssen auch Abitur-Feiern und Computer zahlen“
  • „Hartz IV kostet Steuerzahler 450 Milliarden Euro: So teuer war Hartz IV für Deutschlands Steuerzahler“
  • „Insgesamt 4,7 Milliarden Euro: Bund zahlt pro Hartz-IV-Bezieher 1069 Euro Verwaltungskosten“

Es läuft immer in dieselbe Richtung: Hartz-IV ist teuer, viel zu teuer. Doch der Grund dafür wird nicht etwa bei den Arbeitsagenturen oder der Politik gesucht, sondern bei den Empfängern der Leistungen.

Der gemeine Steuerzahler, der sowieso schon sehen muss, wie er klar kommt, wird nun arg strapaziert. Kann er es doch nicht fassen, dass Abitur-Feiern, Computer, Brillen oder andere Dinge von der Arbeitsagentur übernommen werden, während er sich jeden Tag „den Arsch aufreißt“.

Doch den vermeintlichen Luxus, den der zeitungslesende Arbeiter oder die im Netz klickende Angestellte vermutet, ist ein Märchen. Denn weder feiern Hartz-IV-Empfänger regelmäßig rauschende Feste, noch gönnen sie sich alle drei Monate einen neuen Rechner oder schwören auf Brillen von Ray Ban. Der Alltag ist deutlich trister, und wer „nur“ unter Schwermut leidet, kann sich schon beinahe „glücklich“ schätzen. Denn Hartz-IV und das Krankheitsbild der Depression müssen in einem Atemzug genannt werden.

Lag der Anteil der Hartz-IV-Empfänger mit Depressionen bei den AOK-Versicherten im Jahr 2007 noch bei 10,6 Prozent, betrug er 2011 schon 14,8 Prozent (neuere Zahlen zu finden, ist nicht leicht, aber es darf vermutet werden, dass sich die Tendenz nicht verändert hat). Berücksichtigt man auch andere psychische Erkrankungen, lag der Anteil laut AOK 2007 noch bei 33 Prozent, während 2011 vier von 10 Menschen betroffen waren.

Jobcenter-Mitarbeiter vermuten sogar, dass die Hälfte ihrer „Klienten“ unter psychischen Belastungen leiden, die pathologisch sind. Das sind erschreckende Werte. Doch noch gravierender wiegt die Tatsache, dass die Betroffenen weitgehend alleine gelassen werden bzw. ihre Störungen gar nicht als solche erkannt werden.

Die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen sind naturgemäß nicht ausgebildet, um psychische Störungen zu erkennen. Sie scheitern daher in der Folge an der richtigen Einordnung der Menschen, die mit emotionalen Erkrankungen zu ihnen kommen.

Ein Beispiel:

Ein Mann ist seit zwei Jahren arbeitslos, erscheint nur widerwillig zu seinen Terminen bei der Arbeitsagentur und gibt sich gelangweilt und desinteressiert. So zumindest die Wahrnehmung des Mitarbeiters der Arbeitsagentur. Tatsächlich ist der Mann aber depressiv und empfindet alleine seinen Termin als Tortur. Dennoch versucht der Mitarbeiter in diesem Beispiel (was wohl nicht als die Regel betrachtet werden kann), den Antragsteller aufzubauen, spricht aufmunternde Worte wie etwa: „Na, kommen Sie, so schlimm ist es doch auch wieder nicht. Wir finden schon etwas für sie.“

Nach dem Besuch hat der Mann einen starken depressiven Schub, ausgelöst gerade durch die gut gemeinten Ratschläge des Jobcenter-Mitarbeiters. Denn die Bagatellisierung der Situation erzeugt – wenn auch gut gemeint – eine Eskalation der Krise.

Eines der Probleme bei Depressiven ist ja gerade die Tatsache, dass sie ihre Stimmungen als objektiv unbegründet empfinden, was sich besonders zu Weihnachten oder in den Sommermonaten zeigt, wenn die meisten Menschen eher gut gelaunt durchs Leben gehen. Der Depressive dagegen leidet genau darunter, dass er „nicht in der Lage“ oder „zu undankbar“ ist, um die schönen Seiten des Lebens zu erkennen. Im oben genannten Beispiel wird also die Verfassung des Mannes durch die falsche Reaktion des Mitarbeiters noch verstärkt.

Schon im Jahr 2013 gab es Pläne, die Mitarbeiter der Jobcenter besser zu schulen, um so angemessener auf psychische Erkrankungen reagieren zu können. Doch abgesehen davon, dass bis heute kaum spürbare Verbesserungen eingetreten sind, ist schon der Ansatz abwegig. Denn man kann einem Jobcenter-Mitarbeiter nicht „mal eben so“ beibringen, wie er mit Depressiven oder anderen psychisch erkrankten Menschen umgeht.

Wir sprechen hier nicht von der IT-Abteilung, die besser aufgestellt werden muss, sondern vom Umgang mit Menschen, die teils schwerwiegende und immer individuelle Problematiken mitbringen, die man nicht mittels Checkliste abarbeiten kann.

Doch selbst wenn man den – nicht zwingend – gut gemeinten Ansatz, die Mitarbeiter besser in der Betreuung psychisch kranker Menschen zu schulen, wohlwollend betrachtet, geht er doch am Kern der Problematik vorbei. Statt Menschen ohne Arbeit mit mehr oder weniger improvisierten und fachlich nicht ausreichenden „Wohltaten“ vermeintlich zu unterstützen, wäre es viel wichtiger, an die Ursachen heranzugehen.

Doch damit müsste das System Hartz-IV grundsätzlich in Frage gestellt werden. Es ist nicht davon auszugehen, dass das auf absehbare Zeit passiert, zumindest so lange nicht, wie die, die dieses System mit zu verantworten haben, an den Schalthebeln der Macht sitzen.

Denn Hartz-IV ist längst zu einer Ideologie geworden, die den Anspruch auf Vollkommenheit erhebt. Probleme oder Fehler werden auf die Teilnehmer zurückgeführt, nicht auf die Ideologie an sich.

Wie es Ideologien an sich haben, sind Störungen stets auf Einwirkungen von außen zurückzuführen, niemals auf die der Ideologie zugerechneten Eigenschaften.

Der Mensch als Kostenfaktor: Nicht mehr, eher weniger

Der Kognitionswissenschaftler und Neuroethiker Stephan Schleim beschäftigt sich in einem Artikel mit dem Kostenfaktor. Und mit der Bedeutung für die Betroffenen, aber auch mit der Frage, wie die Gesellschaft mit diesem Thema umgeht. Er macht anhand eines Zeitungsartikels deutlich, in welch grauenvollem Dilemma Depressive stecken. Die Überschrift – besser: einer der beiden Überschriften lautete:

„Depressiver Niederländer kostet die Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro“

Schleim fragt sich – und allein das ist aller Ehren wert! -, wie wohl ein Betroffener reagieren mag, wenn er neben seiner emotionalen Belastung nun auch noch „erfährt“, dass er die Gesellschaft Milliarden Euro kostet. Zu seiner Erkrankung kommt also der Vorwurf, dass er der Allgemeinheit auf der Tasche läge, zur Belastung geworden ist, zu einem Störfaktor, der dafür verantwortlich ist, dass in allen möglichen Bereichen Gelder fehlen.

Man muss kein Psychotherapeut sein, um zum Schluss zu kommen, dass eine Headline wie die von Schleim beschriebenen Menschen mit Depressionen in die nächste von unzähligen Krisen führen kann.

Doch Schleim geht weiter. Er betrachtet die Zahlen, die Kalkulationen, die Berechnungen als nichts anderes als „“ökonomische Konstrukte“, die auf der Kehrseite durchaus Branchen zur Möglichkeit verhelfen, eine ganze Menge Geld zu verdienen.

Damit liegt er mehr als richtig, denn so wie der Krieg ein Milliardengeschäft ist, so lässt sich auch mit Krankheiten – und mit solchen, die psychischer Natur sind, sowieso – viel Geld verdienen. Interessant ist Schleims These, dass alleine die Tatsache, dass etwas vielleicht erwirtschaftet werden könnte, schon ausreicht, um von faktischen Verlusten zu sprechen. Er vergleicht diese merkwürdig anmutende Annahme mit einem Lotterielos, das im besten Fall einen Millionengewinn verspricht – und stellt die Frage, ob man denn in Anbetracht der Tatsache, dass derjenige, der dieses Los kauft und nicht gewinnt, von einem Verlust ausgehen müsse.

Die Sache mit den Kosten, mit Gewinnen und Verlusten, muss also differenziert betrachtet werden. Denn was immer auch Menschen mit psychischen Erkrankungen „die Gesellschaft“ kosten mögen, es gibt genügend andere, die daran kräftig verdienen. Freilich ausgenommen sind lediglich die Betroffenen.

Der kranke Mensch als gewolltes Mittel

Doch welches Interesse kann ein Staat daran haben, die Menschen in seiner Mitte krank zu machen und krank zu halten? An dieser Stelle wird es unangenehm, denn es geht um etwas für sich betrachtet sehr Schlichtes und ganz und gar Verwerfliches: die Menschen stillzuhalten.

Wer sich stark fühlt und selbstbewusst, der ist in der Lage, sich Gedanken zu machen, Dinge zu hinterfragen und – besonders wichtig – in Frage zu stellen. Wer sich dagegen schwach und alleine fühlt, wer gar das Gefühl in sich trägt, eine allgemeine Belastung zu sein, der kommt nur selten auf derlei Ideen. George Orwell schrieb in einem seiner Essays:

„Menschen mit leeren Bäuchen verzweifeln nie am Universum, ja, sie denken nicht einmal daran.“

Stellvertretend für die „leeren Bäuche“ kann auch ein voller Kopf stehen; ein Kopf, der voll ist mit traurigen Gedanken, mit dem Gefühl, nichts wert zu sein, mit der Empfindung, nur zu stören, allen anderen eine Belastung zu sein. Wird dies in vielen Lebensbereichen und alltäglichen Situationen bestätigt und ist die Psyche bereits verletzt, wird jede Möglichkeit, Selbstbewusstsein oder gar Gegenwehr zu entwickeln, im Keim erstickt.

Und genau darum scheint es zu gehen. Hartz-IV-Empfänger sind die perfekten Opfer, sie entwickeln kaum Kraft und Mut, sich zu wehren. Und wenn politisch wie medial der Vorwurf bekräftigt wird, sie seien letztlich die Täter, die die Gesellschaft viel zu viel Geld kosten, weil sie eben sind, wie sie sind, dann wird auch der letzte noch irgendwie Wehrhafte an seiner Situation verzweifeln und kapitulieren.

Die Menschen brauchen mehr, die Politik braucht weniger

Menschen, die den Wohlstand erleben, sind für ein System, das darauf abzielt, eben diesen Schritt für Schritt abzubauen, suboptimal. Der Soziologe Walter Holstein schrieb bezeichnenderweise, dass die amerikanischen Hippies eine Bewegung gewesen sei, die

„von Jugendlichen gelebt wurde, die alle Vorteile und Vergünstigungen des Systems in Anspruch nehmen konnten. Nicht Neid und Ehrgeiz führten zum Aufstand der Blumenkinder, sondern Überdruss und das Verlangen nach anderem.“

Da liegt der Hase im Pfeffer. Wohlstand, Bildung, die Möglichkeit, sich intellektuell weiterzuentwickeln, das sind Dinge, die unerwünscht sind, sie stören und führen zur Unordnung (wahrscheinlich wusste das schon Gerhard Schröder, die heute agierenden Politiker wissen es ganz sicher).

Der Hartz-IV-Empfänger ist ein Symbol für diese Sichtweise.

Die psychischen Belastungen, unten denen Hartz-IV-Empfänger leiden, sind nichts, was von der Politik erfolgreich bekämpft wird, im Gegenteil, sie tragen dazu bei, die Leistungsempfänger einfacher „händeln“ zu können.

In anderen Lebensbereichen wird das durch Unterhaltung im Stile von Dschungel-Camps, Casting-Shows und Reality-TV erledigt. Und wo die Verzweiflung inzwischen sowieso kaum noch persönliche Entwicklungen zulässt, wie etwa bei den Obdachlosen, da wird von vornherein gar nicht erst hingesehen.

Hartz IV-Emfänger sind nicht die Wunschkinder dieser Gesellschaft, und so werden sie auch behandelt, wie ungewollte, ungeliebte Kinder.

Das Ergebnis der unterschiedlichen Methoden: Stillstand, Passivität, Rückzug.

Und wenn wir uns umsehen, müssen wir zum Schluss kommen, dass es funktioniert.

Gelesen bei: http://alpenschau.com

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