Werden wir lieber veräppelt als verunsichert?

Gina, Flickr Commons
Gina, Flickr Commons

Wenn Ihnen jemand verspricht, sie hätten das beste soundso in der Hand, das es je gab, lassen Sie es schnell fallen und suchen Sie das Weite – oder fassen Sie es gar nicht erst an. Denn meist ist etwas faul an diesem Versprechen. Zum Beispiel, wenn Ihnen Joachim Gauck mit klerikal ernster Mine versichert, Sie lebten im besten Deutschland, „das wir jemals hatten.

Nachdenklich muss es auch machen, wenn uns jemand weismachen will, dieser oder jener sei der sicherste Weihnachtsmarkt „in ganz Deutschland“, vor allem, wenn diese Zusicherung von einer Shopping-Webseite kommt. Und an die „sichersten Banken der Welt“ mag auch niemand mehr so recht glauben, wenn selbst das größte deutsche Geldhaus in die Schlagzeilen gerät und seinen Börsenkurs abstürzen sieht.

Oder, wenn CNN-Präsident Jeff Zucker, nachdem sein Sender von Donald Trump als Fake-News-Kanal abgewatscht wurde, behauptet, die Glaubwürdigkeit seines Senders sei „höher als je zuvor.“ Das sagte der News-Manager nur EINE Woche nachdem eine Rasmussen-Umfrage im US-Medienpublikum ergeben hatte, dass nur noch jeder dritte Zuschauer den Nachrichten von CNN über den Weg traut. So viel zu Fake News in den Mainstream-Medien.

Wir bekommen derzeit aufällig viele solcher Versprechen: Die dünnste und beste Brille, der schnellste und pünktlichste Zug, der günstigste Laptop und die am leichtesten zu gebrauchende Waschmaschine. Darunter das beste jemals gebaute Fahrwerk für einen Nissan, das angeblich beste Musikvideo der Menschheitsgeschichte, der beste Doktor aller Zeiten (operiert auch Kuscheltiere) und sogar „Die beste aller Zeiten“ – und zwar JETZT, wie der Buchautor des Titels verspricht.

Ich will diese Ansprüche im einzelnen gar nicht bestreiten, oder gar als Fake-News herabwürdigen. Was nur auffällt, ist, dass wir einen wahren Malstrom an solchen Versprechungen und Lobpreisungen erleben. Er ist noch reichlicher und wuchtiger als die Liquidität, mit der die entfesselten Notenbanker seit Jahren die Welt fluten.

Woher kommt das und was bedeutet das?

Nichts Gutes, fürchte ich. Denn solche Beschwörungen, und nichts anderes sind sie meist, kommen ja gerade, wenn die Zeiten, Produkte oder Dienstleistungen nicht die besten sind. Marketing-Manager, Politiker, Medien-Macher und Wirtschaftsexperten versprechen uns in diesen Wochen und Monaten, wo uns Terror, Migrationsprobleme, Armut im Alter, stagnierende Löhne, steigende Steuern und Inflation sowie eskalierende Mieten und eine abgehobene politische Kaste wachsende Sorgen bereiten, das Blaue vom Himmel herunter.

Je größer die Unsicherheit, desto schwülstiger die Versprechen.

Donald Trump macht Amerika wieder groß, obwohl er kein Geld dafür hat. Angela Merkel will Deutschland wieder in sicheres Fahrwasser bringen, obwohl sie es dort bekanntlich hineingesteuert hat. Es wird mehr Demokratie angemahnt – sogar bis in die Klassenzimmer – aber vier Politiker mauscheln den nächsten Bundespräsidenten aus.

Ja, wirklich, ich bin fest überzeugt: Es ist besser als je zuvor.

Weil wir das alle bereitwillig glauben, fühlen wir uns ja so gut. Dazu passt, dass der Finanzminister ständig eine „Schwarze Null“ aus dem Staatshaushalt zaubert und uns suggerieren will, dass Berlin die Finanzen im Griff hat, während wir hören, dass es selbst im Kanzleramt einen dubiosen Fonds gibt, mit dessen Kontrolle sich offenbar niemand auskennt, außer vielleicht den Geheimdiensten.

Dass die beste Schwarze-Null-Serie aller Zeiten nur mit Nullzinsen, in die Zukunft verbuchten Verbindlichkeiten und einem enormen Investitionsrückstau erreicht werden kann, das sagt uns niemand in diesem besten Deutschland aller Zeiten. Zumindest nicht die selbst erklärten besten Politiker aller Zeiten.

Wie gut es uns doch geht, wenn wir einfach nicht alles wissen. Mehr Transparenz im „postfaktischen“ Zeitalter könnte uns ja nur verunsichern.

Gelesen bei: http://klapsmuehle-online.de

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2 Kommentare zu “Werden wir lieber veräppelt als verunsichert?

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