Gastarbeiter: Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet

Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet: Warum vor fünfzig Jahren die ersten türkischen Gastarbeiter kamen und sie keine Opfer waren.

Jeder unserer Brüder und Schwestern hat hier Tag und Nacht gearbeitet, um Herzen zu gewinnen. Sie haben jede Bitterkeit zu Honig gemacht, jedweder Schwierigkeit getrotzt.

Das sagte der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan 2008 bei einer Rede vor türkischen Immigranten in Köln. Es war Balsam für die Seele seiner Anhänger, sie hörten es nur zu gern. Auch deutsche Politiker neigen dazu, die Geschichte der Arbeitsmigration als eine von türkischen Opfern und deutscher Schuld durch Ausbeutung zu verklären. Aber diese Version der Geschichte ist ein Märchen.


Diese Männer kamen 1961 in Düsseldorf an und waren die ersten von 400 Bergleuten, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben.

1961 wurde auf Initiative und auf Druck der türkischen Regierung das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei – ähnlich wie bereits 1955 mit Italien und anderen Ländern – geschlossen. Eigentlich brauchte man in Deutschland die türkischen Arbeiterinnen und Arbeiter so dringend nicht. Aber es gab geopolitische Gründe. Die Vereinigten Staaten drängten die Deutschen, die Türkei wirtschaftlich zu stützen. In Kuba hatte Fidel Castro 1960 den Diktator Batista und die Amerikaner verjagt und auch in der Türkei revoltierten die Studenten und Gewerkschaften. Das globale Gleichgewicht im Kalten Krieg schien aus der Balance zu geraten.

Anwerbeabkommen als letzte Amtshandlung

Als 1960 dem türkischen Militär die innenpolitische Lage zu brenzlig wurde, ergriff es per Handstreich die Macht und inhaftierte den Ministerpräsidenten Menderes, der demokratische Reformen angestoßen hatte, die Kontakte zur Sowjetunion lockerte, mit Kontakten zu den Vereinigten Staaten liebäugelte und die Islamisierung vorantrieb. Kein westlicher Staat protestierte ernsthaft gegen den Putsch. Die Nato brauchte an der „Südost-Flanke“ des sozialistischen Blocks Verbündete und die militärisch schlagkräftige Türkei war dafür der historisch bewährte Partner. Das zeigte wenig später die Kuba-Krise, in der die Türkei eine bedeutende Rolle spielte. Die Nato-treuen türkischen Generäle forderten dafür einen Preis: Teilhabe am wirtschaftlichen Aufschwung Europas.

Die Hebel waren unter anderem das Anwerbeabkommen und zwei Jahre später das Ankara-Abkommen, das der Türkei den Weg in die Zollunion und später in die Europäische Gemeinschaft ebnen sollte. Am 30. Oktober 1961, sechs Wochen nachdem Adnan Menderes auf der Insel Imrali im Marmara-Meer wegen vermeintlichen Verfassungsbruchs hingerichtet worden war, und zwei Wochen nach Neuwahlen, unterzeichnete man in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen. Es war eine der letzten Amtshandlungen des langjährigen christdemokratischen Außenministers Heinrich von Brentano.

Das große Los war ein deutscher Arbeitsvertrag

Die türkische Innenpolitik war 1960 an den Problemen einer rasch wachsenden Bevölkerung und an der Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der eigenen Gesellschaft gescheitert. Alle türkischen Regierungen waren bisher einer Doktrin gefolgt, die der Staatsgründer Atatürk vorgegeben hatte: Man versuchte die Wirtschaft und auch die Nahrungsmittelproduktion planwirtschaftlich zu kontrollieren, schlug auf Weizenfeldern „Ernteschlachten“, hielt die Brotpreise künstlich niedrig. Man setzte zentral die Preise und die Zuteilung zum Beispiel für Zucker und Weizen fest und verhinderte auf diese Weise eine marktwirtschaftliche Entwicklung von Angebot und Nachfrage. Und obwohl damals achtzig Prozent der Bevölkerung auf dem Land lebten, wurden dort nur drei Prozent des Staatshaushalts investiert.

Die Folge war eine nachhaltige Landflucht und Verarmung der anatolischen Bevölkerung. Millionen Menschen zogen in die Städte, über Nacht entstanden „Gecekondus“, Slumviertel am Rand der großen Städte. Wer aber konnte, folgte dem Angebot aus Almanya. Ein deutscher Arbeitsvertrag war so wertvoll wie ein Lottogewinn. Es gab viermal so viele Bewerber wie Stellen vermittelt werden konnten.

So stark und als Nato-Partner verlässlich die türkische Armee war, so schwach war die Türkei wirtschaftlich. Es drohten Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut und in der Folge nicht nur ein Aufstand der Jugend und unter den Militärkadetten, sondern auch ein Staatsbankrott. Die türkische Regierung versuchte mit einer Verfassungsreform der Unruhe Herr zu werden und erhoffte sich vom Arbeitskräfteexport eine Entlastung des türkischen Arbeitsmarktes sowie die Minimierung des Handelsbilanzdefizits. Außerdem, so war die Spekulation, würden die Arbeitskräfte im Westen Know-how erwerben und ihr neues Wissen in die Türkei zurückbringen. Mit ihnen, das war der Plan, könnte man die türkische Wirtschaft modernisieren.

Bitte vergessen sie nicht ihre Heimat

Das bundesdeutsche Arbeitsministerium hatte Bedenken gegen das Engagement von ungelernten türkischen Arbeitskräften, glaubte man doch, die kulturell-religiöse Distanz zwischen den Menschen sei dem gesellschaftlichen Frieden nicht förderlich. Aber die Einwände der Sozialpolitiker wurden beiseite geschoben und das deutsche Außenministerium unter Heinrich von Brentano übernahm die Vertragsverhandlungen. Die Türkei sollte wirtschaftlich gestärkt werden und der westdeutschen Wirtschaft erschien es profitabel, für ein, zwei Jahre billige Arbeitskräfte aus Anatolien zu beschäftigen.

Die von den deutschen Arbeitsministerien vorgegebenen Bedingungen für die Anwerbung waren rigide. Die Arbeitsverträge wurden auf zwei Jahre begrenzt (das wurde 1964 auf Wunsch der Industrie wieder aufgehoben) und man setzte zunächst auf ein Rotationsprinzip, – nach zwei Jahren sollte ein Arbeiter durch einen anderen aus der Türkei ersetzt werden. Das stellte sich als nicht durchsetzbar heraus, weil so immer wieder Anlern- und Eingewöhnungszeiten anfielen. Explizit war in den Verträgen auch vereinbart, dass nur Unverheiratete angeworben werden durften.

Die Politik und Wirtschaft in Deutschland setzten darauf, dass die Gastarbeiter möglichst wenig kosteten und dabei ihre „kulturelle Identität“ bewahrten, damit die Rückkehrbereitschaft erhalten blieb. Erst 1979 erkannte der Sozialdemokrat Heinz Kühn an, dass aus Gastarbeitern Einwanderer geworden waren und wollte deren Integration durch Sprache und Bildung fördern.

Die Türken war nicht einfach nur die Ausgebeuteten

Bis 1973 wurde so der türkische Arbeitsmarkt, im Laufe von zwölf Jahren, von 857 000 Erwerbsuchenden entlastet. Das Anwerbeabkommen war das Ventil, das die sozial und politisch unter Druck stehende Türkei entlastete. Die Gastarbeiter, die in der Türkei bald „Almancis“, Deutschländer, genannt wurden, schickten monatlich einen Teil ihres Lohns aus dem kalten Norden nach Hause. Das war für Anatolien und jede Familie ökonomisch ein Segen. Geschätzt lebten um 1970 bis zu zehn Prozent der dreißig Millionen Menschen in der Türkei teilweise oder ganz von Überweisungen aus Deutschland – die Geburtenrate lag damals in der Westtürkei bei etwa 4,7 Kindern pro Frau und im Osten des Landes bei 7,4 Kindern. Vom damals in Deutschland ersparten Lohn – er war im Durchschnitt viermal so hoch wie in der Türkei – und dem Kindergeld konnte eine ganze Familie leben.

Die erste Generation der Gastarbeiter ernährte nicht nur sich, sondern auch ihre Großfamilien in Anatolien und rettete ihr Heimatland vor dem Bankrott. Die Entbehrungen und Leistungen dieser Menschen der ersten Generation wurden weder in der offiziellen Türkei noch in Deutschland wahrgenommen. Erst Günter Wallraff machte mit seinen Reportagen von „Ganz unten“ die Lage vieler Türken in Deutschland publik.

Aber gleichzeitig muss erwähnt werden, dass der Satz „Wir Türken haben dieses Land aufgebaut“, unvollständig ist. Denn die Türken waren nicht allein, sondern nur ein kleiner Teil des Millionenheers von mehr als fünf Millionen Arbeitsmigranten, meist aus anderen europäischen Ländern – aus Griechenland, Spanien, Italien, Jugoslawien, Portugal – die seit 1955 mit ihren deutschen Kollegen in Deutschland arbeiteten. Wenn heute so getan wird, als seien die Türken als Gastarbeiter damals unter die Räuber gefallen, ausgebeutet und diskriminiert worden, ist das nur die halbe Wahrheit und das Märchen vom Honig ist so süß wie falsch.

Die eigentliche Ursache des Integrationsproblems

Der Honig, von dem Erdogan sprach, wurde zwar von fleißigen türkischen Arbeitsbienen in Almanya gesammelt, verzehrt aber wurde er in der Türkei. Für viele war dies die einzige Unterstützung, denn die Türkei konnte ihre eigenen Bürger nicht ernähren. „Die Almancis haben damals die Türkei gerettet“, müsste es daher eigentlich heißen, was auch ein ehrlicher Dank an diese Menschen wäre.

In die Türkei zurückgekehrt sind die Türken im Gegensatz zur Mehrheit der Gastarbeiter aus europäischen Ländern übrigens auch nicht. Sie haben zuerst ihre Familien und später Jahr um Jahr Zehntausende junge Bräute und Bräutigame aus der Türkei nach Deutschland geholt. Erst dadurch entstand wirklich das uns heute beschäftigende Integrationsproblem. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Gelesen bei: http://brd-schwindel.org

4 thoughts on “Gastarbeiter: Sie haben nicht Deutschland, sondern die Türkei gerettet

  1. Hat dies auf behindertvertriebentessarzblog rebloggt und kommentierte:
    Angebot und Nachfrage, freier Wettbewerb? Seid Ihr Banane? Wir wissen mit Chargen und auch Verkauf´szahlen und Orderungen, wann wo und Wiederbeschaffung die Daten, wer mit welchem Geld und zu welcher Zeit sein Brot kaufte! Und so diktiert der Handel die Preise und man darf schon sagen, das sich die in Europa mit den vielen gastarbeitern verdreifacht haben! Die Renten und Sozial-Leistungen unserer Beitragszahler, nur diese erbringen Beiträge, weil auch nicht Ausländer oder Angehöriger eines Ausländer dazu beitragen, haben dafür auch inflationäre Teile abgegeben, siehe, das man von einem Behinderten Kassenbeiträge einfordert, dem seine Grundsicherung beklaut und das in ein beklautes Grundsicherungs-Sozialhife – Diktat der Stadtverwaltungen auszahlt! Und dazu kommen de vielen schon über tausende geheimen Abkommen mit den Fremden Ländern, die über Hinz und Kunz seinen Köpfen abgeschlossen wurden, wo man sich an seine Waffel fßt, denn Kopf darf man ja hier nicht haben, und fragt, Sind die noch Banane. Und so heißt der Teil der BRD, alt, und die im gesamten Bum´s und Plürré – Laden lebenden Masse an Personal- und Beschäftigten Control-Gesellschaft „Bananenrepublik“! Zu Schichtarbeitern, da ist kein Hol- und Bringedienst möglich, wie das man außerdem des Nachts, wegen der Schichten keine Teilhabe hat, aber bei Fistivitäten der Bonzen, wie Frankreichtage und Böse Bubentage (Parteifeeten), sogar solche die über den Großraum NRW gehen! Uns damit das auch läuft, gibt es dann die schwarzgekleideten Kumpel die sich in Wortmarken Berufe kaufen dürfen, und da für deren Gesellschaftsteile dann Ordnungskraft spielen! Selbst die vom Staats-Schutz, die haben Renten und Pensionen auch aus den Besatzerkreisen, weil sie schon früher da als Agenten für das kapital lebten und Forschten! Wer es abstreiten will, habe ich paar Namen, Schäuble und Verträge mit Israel, wo auch nur er allein da sitzt und Unterzeichner ist, sein Vater SS, SS auch ein Schreiberling Heiden, und so auch der Sorros! Von den eigedeutschten haben die ihre Heimat verlassen und für deren Wohlstand gesorgt, siehe Össterreich und siehe das Leben der Wiener und der anderen Österreicher, die da für die Investoren sogar die Alpen einzäunten! Und seht, was da des Deutschem Handwerk und Industrie-Zweige verschachert wurde, Textilmasienen in Türkei und Marroko, dann in Tuniesien bis Südafrika der Strassenbau, die Sonnenenergie in den Wüsten von Afrika und deren Vertriebene besiedeln neben Teilen von erlaubten Hochburgen Amerika und so auch Europa, Landmasse ist ja des Deutschen auf ein Drittel geschrumpft zu einem überschaubaren Verwaltungsakt eines Groß-FEMA-Lager! Mittlerweile werden ja auch schon alle in der Welt kontrolliert, da aber, da rumort es und die sind längst in vielen Teilen auf ANTI und Revolution gebildet, weil auch deen Familien noch feste Bande haben! So, hoffentlich gibt es nun auch bald Nachschub! Glück, Auf, meine heimat! Möge den Systemlingen alles, was Leben braucht auch abfaulen!

    Gefällt mir

  2. Pingback: Rumänien: Präsident lehnt islamgläubige neue Regierungschefin ab | behindertvertriebentessarzblog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s