Helden des Rechts

erdingers-weisheiten

Von Max Erdinger

In Neubrandenburg kam es am Montag zur Eröffnung eines Prozesses gegen einen 95-jährigen, ehemaligen SS-Sanitäter. Die Grande Dame der deutschen Gerichtsreportage, Gisela Fiedrichsen, schreibt bei SPIEGEL-Online über ein “Unwürdiges Schauspiel”.
www.spiegel.de/panorama/justiz/auschwitz-prozess-in-neubrandenburg-unwuerdiges-schauspiel-a-1111945.html

Als ich “Unwürdiges Schauspiel” gelesen hatte, dachte ich schon, die Friedrichsen und ich seien einer Meinung und Gisela Friedrichsen fände die Tatsache eines solchen Prozesses unwürdig. Weit gefehlt! Friedrichsen schreibt – Zitat: >

Kaum jemals zuvor hat die Justiz in Gestalt eines Gerichts und seines Vorsitzenden ein derart unwürdiges Schauspiel abgegeben wie das Landgericht Neubrandenburg, das sich seit Monaten dagegen sträubt, das Strafverfahren wegen Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gegen den 95 Jahre alten Hubert Z. zu führen.< – Zitatende.

Gut, die Friedrichsen findet also genau das Gegenteil dessen unwürdig, was meinereiner für unwürdig hält.

Ich halte es für unwürdig, so zu tun, als hätte es noch irgendetwas mit einem menschlichen Maß zu tun, einen dementen 95-Jährigen vor Gericht zu stellen für Taten, die er vor über 70 Jahren, als 24-Jähriger also, begangen hat. Und zwar ganz egal, um welche Taten es sich dabei handelt.

Unwürdig ist der dahinterstehende Anspruch, unter allen Umständen Gerechtigkeit walten zu lassen, so, als ob das überhaupt möglich sei. Für würdevoll hätte ich gehalten, den Strafanspruch im Angesichte der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens einfach fallen zu lassen und sich demütig einzugestehen, daß es für alles Zeitpunkte gibt, an denen es einfach zu spät geworden ist.

Würdig wäre gewesen, sich gelassen damit abzufinden, daß der irdischen Gerechtigkeit hin und wieder einer entkommt, in dem Wissen, daß ihm das Jüngste Gericht ohnehin nicht erspart bleibt. Früher hätte man das noch gewußt. Heute nicht mehr. Heute muß man schnell noch einmal Recht behalten haben einem Angeklagten gegenüber, dessen Lebenszeit kurz vor ihrem Ende steht.

Um mir hier den Vorwurf zu ersparen, es gehe mir darum, den Horror von Auschwitz kleinzureden: Ich habe mich nachweislich schon bei der unsäglichen Debatte darüber, ob der frühere RAF-Terrorist Christian Klar nach 24 Jahren Haft entlassen werden könne, oder ob es wirklich die vollen 25 Jahre sein müssen, zu denen er verurteilt worden war, über die Würdelosigkeit einer solchen Diskussion aufgeregt.

Klar ohne größeren Kommentar dieses eine Jahr zu erlassen, hätte ich für eine großartige Geste gehalten, mit der man hätte zeigen können, worin man sich von der Gnadenlosigkeit eines Killers wie Klar unterscheidet. Vertan, sprach der Hahn …

Etwas anderes kommt hinzu: Die terrierhafte Verbissenheit in das Recht, mit der man sich bereits im Falle des ähnlich gelagerten Demjanjuk-Prozesses konfrontiert sah, offenbart ein sehr grundsätzliches Übel: Da, wo das Gottvertrauen abhanden gekommen ist, wachsen irrsinnige und totalitäre Ansprüche. Ein Gericht hätte ja auch dem Angeklagten gegenüber nach einem gerechten Urteil zu suchen. Ein Urteil beinhaltet einen Anspruch, nämlich den, daß es zu einer Läuterung des Angeklagten führt.

Wieviel Zeit, bitteschön, bleibt einem dementen 95-Jährigen im Rollstuhl noch, als Geläuterter nach Haftverbüßung weiterzuleben? – Eben. Man weiß nicht einmal, ob er das Ende des Prozesses noch erleben wird.

Einen solchen Prozess überhaupt zu eröffnen, zeugt also von einer widerwärtigen Hybris, von einer kleingeistigen Verachtung für die Gesetzmäßigkeiten des irdischen Daseins als solchem. Wo Gott fehlt, vergottet sich der Mensch eben selbst. Ausgerechnet die Nazis sind das perfekte Beispiel einer Selbstvergottung gewesen.

Und das ist das, was dann dabei herauskommt: Das jämmerliche Bild eines irdischen Gerichts, das nicht wahrhaben will, daß es Grenzen gibt, gegen die alles menschliche Wollen machtlos ist.

Außerdem: Dem 95-Jährigen wird ja nicht einmal konkreter Mord vorgeworfen, sondern lediglich, daß er vor über 70 Jahren achselzuckend als Rädchen einer Mordmaschinerie funktioniert hat, daß er das hätte wahrnehmen müssen und daß er sich davon zu entfernen gehabt hätte.

Als ob das gewissenlose Mitläufertum mit dem Ende der Naziherrschaft in Deutschland ausgestorben wäre. Was es natürlich nicht ist. Hinter der Tatsache dieses Prozesses steckt implizit also die Behauptung, daß man unter den damaligen Umständen selbst auf jeden Fall ein besserer Mensch gewesen wäre, als es der Angeklagte ganz offensichtlich gewesen ist. Das ist nicht gerecht, sondern gnadenlos selbstgerecht. Das ist klein, nicht groß. Das ist so klein, daß es einfach erbärmlich ist.

Und dann kommt die Grande Dame der deutschen Gerichtsreportage, Gisela Friedrichsen daher – und sieht das unwürdige Schauspiel darin, daß man das Gericht wie einen Hund zum Jagen hat tragen müssen. Friedrichsens Reportage und der Prozess an sich – das sind die unwürdigen Schauspiele, deren Zeuge man dieser Tage in einer vor Selbstgerechtigkeit triefenden, ach so antifaschistischen Gesellschaft zwangsläufig wird.

Es ist widerlich.

“Im Westen hat man Christus verloren – und deshalb kommt der Westen zu Fall, einzig und allein deshalb.”

“Manch einer ist in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von gärenden Träumen.”

– Beide Zitate von Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Gelesen bei: http://brd-schwindel.org

Advertisements

Laß es raus

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s